Wenn Spiegel sprechen könnten…

Einst herrschte in der fernen Stadt Wirani ein König, der zugleich mächtig und weise war. Er wurde gefürchtet ob seiner Macht und geliebt ob seiner Weisheit. Nun gab es im Herzen jener Stadt einen Brunnen, dessen Wasser Kühl und klar war wie Kristall, aus dem alle Bewohner tranken, auch der König und seine Höflinge, denn es gab keinen anderen Brunnen. Eines Nachts, als alle schliefen, kam eine Hexe in die Stadt und goss sieben Tropfen seltsamer Flüssigkeit in den Brunnen und sagte: <Wer von dieser Stunde an von diesem Wasser trinkt, der soll verrückt werden.>
Am nächsten Morgen tranken alle Bewohner außer dem König und seinem Kämmerer aus dem Brunnen und wurden verrückt, genau wie die Hexe es vorausgesagt hatte. Und den ganzen Tag über taten die Leute in den engen Gassen und auf den Marktplätzen nichts anderes, als einander zuzuflüstern:
<Der König ist verrückt. Unser König und sein Kämmerer haben den Verstand verloren. Wir können auf keinen Fall von einem verrückten König regiert werden. Wir müssen ihn entthronen.>
Am selben Abend befahl der König, dass ein goldener Becher mit Wasser aus dem Brunnen gefüllt wird. Und als man ihm den Becher brachte, tat er einen tiefen Schluck und gab ihm auch seinem Kämmerer, um daraus zu trinken. Und es war eine große Freude in der fernen Stadt Wirani denn ihr König und sein Kämmerer hatten ihren Verstand zurück.
(Khalil Gibran, Der weise König)

Dies ist zwar eine alte Geschichte, dennoch erkennt man gewisse Parallelen, die heute noch wie damals praktiziert werden.

… der König – mächtig und weise…? In erster Linie weise um weiterhin mächtig zu bleiben. Bloß wenn es eine Weisheit ist – wie in diesem Fall – dem („verrückt gewordenen“) Volk um jeden Preis nachzuziehen, um nicht entthront zu werden, dann ist dies möglicherweise eine Handlung, die dem König eher die Angst einflüsterte, um seine machtvolle Position nicht zu riskieren. Er wollte nicht aus der Reihe tanzen – also authentisch, sich selbst treu bleiben – denn sein Volk hätte ihn entthront. Weil er anders war, als die große Masse. Der König war nicht mehr Einer von ihnen, nicht wie alle anderen (er tat nicht, was all die anderen taten – das Wasser aus dem Brunnen getrunken).

Wer „Ja“ sagt…

In der heutigen Zeit würde man seine Handlung wahrscheinlich als taktisch klug bezeichnen. Eine Handlung, die heutzutage von vielen Menschen, bekannten Persönlichkeiten praktiziert wird. Sie haben das (selbst gewählte) Los, sich im Laufe ihres Lebens verstellen zu müssen, weil sie der Überzeugung sind, sonst ihre einflussreichen Positionen zu verlieren. (Angst und Feinde – oder die Angst als größter Feind)

Wer „A“ sagt…

Ich meine, es ist in Ordnung, wenn man glaubt, eine solche Entscheidung zur Bewahrung des Einflusses treffen zu müssen. Jeder entscheidet für sich selbst und sollte für seine Entscheidungen, Handlungen die Konsequenzen tragen. Auch wenn in solchen Fällen meistens die Angst der größte Motivator ist – nämlich:

  • Angst vor dem Verlust einer einflussreichen Position,
  • Angst vor dem Verlust der entsprechenden Dotierung,
  • Angst, das allgemeine Ansehen (Prestige) zu verlieren,
  • Angst, Autorität einzubüßen,
  • Angst vor dem Verlust diverser Statussymbole.

Bloß wenn die Angst und die Befürchtungen trotz solcher Handlungen weiterhin im Nacken sitzen bleiben – man könnte schließlich jede Zeit wieder als verrückt abgestempelt werden, wenn der großen Masse erneut etwas anderes einfällt – dann wird die einflussreiche Position doch nicht langfristig zu halten sein.

Oft geht es um Viel (viel Macht, Einfluss), als dass man bereit wäre auf diese zu verzichten und gewissen Umständen sich nicht zu beugen. Wenn es um Viel geht (subjektive Wahrnehmung), dann sieht man sich oft gezwungen – weil man nicht verzichten möchte – sich zu verbiegen (so wie es die anderen wollen). Auch wenn man es immer wieder hört und liest (sogar auf Geburtstagskarten!): „Be Yourself!–  dies sollte wahrscheinlich für diejenige gelten, die nicht so viel zu verlieren haben. Die es sich erlauben können, sich selbst treu zu bleiben, (überwiegend) sie selbst zu sein.

Für Menschen, die auch ohne Machtposition und immensen Einfluss auf die Gesellschaft leben können und es für wichtig halten ihre Authentizität zu bewahren. Sie versuchen ihr Leben so zu leben, dass sie sich im Großen und Ganzen selbst treu bleiben können.

So wird der Spiegel, in den sie morgens hineinschauen, jeden Tag aufs Neue bestätigen, dass sie zwar keine machtvollen „Könige“ sind, dafür jedoch auf dem richtigen Weg, mit Be Yourself“ das Beste aus ihrem Leben herauszuholen..

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Liebe Grüße,

© Sunelly Sims

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(Photo #1: by dan)

(Photo #2: by Stuart Miles)