Gratis…? Überzeugungen und Beweise

Einst lebte ein Mann, der hatte in seinem Garten viele Granatapfelbäume. Und Herbst für Herbst legte er seine Granatäpfel auf silbernen Tabletts vor sein Haus und stellte Schilder daneben, auf die er mit eigener Hand geschrieben hatte: <Umsonst. Bitte bedienen Sie sich.>

Aber die Leute gingen einfach vorbei, und keiner nahm von den Früchten. Da überlegte der Mann eine Weile und stellte im nächsten Herbst keine Granatäpfel auf silbernen Tabletts mehr vor sein Haus, sondern errichtete eine Tafel, auf der in großen Buchstaben stand: <Hier gibt es die besten Granatäpfel im ganzen Land, allerdings kosten sie auch mehr als alle anderen.>

Und siehe da, aus der ganzen Nachbarschaft strömten die Leute herbei und kauften.

 (Khalil Gibran, Die Granatäpfel)

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Es ist schon eigenartig, wie wir uns verhalten. Die meisten Menschen wundern sich, wenn etwas kostenlos, zur freien Entnahme angeboten wird. Wir sind skeptisch, dass gerade in der heutigen Zeit, wo wir immer wieder hören und sogar selbst sagen: Es wird dir im Leben nichts geschenkt… Niemand hat was zu verschenken – man muss sich alles hart erarbeiten… – wenn uns etwas doch angeboten wird, ohne dafür bezahlen zu müssen. Ohne, dass wir eine Ware kaufen sollen, weil es dann ein zusätzliches Produkt gratis dazu gibt. Letzteres ist etwas, was wir eher akzeptieren können – wenn wir ein Produkt kaufen und bezahlen, bekommen wir ein Zweites kostenlos. Schließlich haben wir bezahlt – Ware gegen Geld, ein faires Geschäft. Ob wir nun das zweite Produkt wirklich brauchen oder nicht – egal, wir bekommen es gratis dazu. Es kostet ja nichts.

Aber wenn etwas völlig kostenlos – ohne Gegenleistung – angeboten wird, dann überlegen wir oft: kostet es wirklich nichts? Und schon sucht unser Verstand nach versteckten Gebühren, die wir vielleicht im Moment nicht wahrnehmen, weil wir von dem Gratisangebot geblendet sind. Wir überlegen dann, ob wir wirklich zugreifen sollten, ohne es später bereuen zu müssen. Schließlich schenkt uns heutzutage niemand etwas so leichtfertig!

Wir vertrauen dem Angebot nicht – zu viele Menschen wurden betrogen, hatten falsche Freunde, Geschäftspartner, die das schnelle Geld machen wollten. Weil irgendjemanden finden solche Menschen immer – die Zeitungen sind voll von Geschichten. Geschädigte, Betrogene, die versuchen, ihre Rechte einzufordern und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Wozu haben wir schließlich unsere Gerichte? Es steht für jeden frei, für sein Recht zu kämpfen – Auge um Auge, Zahn um Zahn… Wo kämen wir sonst hin…? In den Medien werden laufend die schwarzen Schafe gezählt und vorgestellt… es wird immer wieder über betrügerische Vorfälle berichtet. Leute gibt Acht… traut ja niemandem… überhaupt wenn euch  etwas zu billig oder gar kostenlos angeboten wird… ihr könntet getäuscht werden – ihr müsst später teuer dafür bezahlen…  Unser Misstrauen und unsere Ängste werden geschürt, wir werden vorsichtiger, skeptischer – es steht ja in der Zeitung; es wird schon stimmen…

Als hätten wir nicht schon genug andere Sorgen – wir sollten auch niemandem vertrauen. Du kannst in keinen Menschen 100%-ig hineinschauen, nicht wissen, was in dem Kopf des anderen wirklich vorgeht – hören wir oft. Ja, die Angst, betrogen, ausgetrickst und für dumm verkauft zu werden, sitzt tief und schürt unsere Befürchtungen noch mehr. Wir merken dann gar nicht richtig, dass unsere Handlungen sehr oft von unseren Befürchtungen geprägt sind beziehungsweise sogar gelenkt werden. Wir trauen uns nicht… wir haben es ja in der Zeitung gelesen… im Fernsehen gesehen, was alles passieren k ö n n t e, wenn wir dies und das tun würden… Der und Dem ist es schließlich auch passiert, er und sie wurden auch betrogen… die Angstspirale dreht sich weiter…

Es sind unsere Befürchtungen, die sich irgendwann verwirklichen und uns schließlich den Beweis liefern, dass wir mit unseren Befürchtungen und Ängsten also doch richtig lagen (ich hab´s doch gewusst!). Die sich selbsterfüllende Prophezeiungen – wer kennt sie nicht…?

Wikipedia-Definiton:

„Die sich selbsterfüllende Prophezeiung (engl. self-fulfilling prophecy) ist eine Vorhersage, die sich deshalb erfüllt, weil derjenige oder diejenigen, die an die Prophezeiung glauben, sich – meist unbewusst – aufgrund der Prophezeiung so verhalten, dass sie sich erfüllt.

  • Ein als Vorhersage getarntes, gezieltes Gerücht entfaltet eine Eigendynamik, die es schließlich wahr macht. Dieses Mittel wird u.a. bei Machtkämpfen in der Politik und der Wirtschaft eingesetzt.
  • Der Glaube an die Vorhersage „Bei diesem Leistungstestwerde ich versagen“ führt zu so verschlechterten Leistungen, dass das Vorhergesagte eintritt.
  • Die Furcht vor der Konfrontation mit einem zu hohen Blutdruck lässt den Blutdruck bei vielen Menschen vor einer Messung derart ansteigen, dass tatsächlich erhöhter Blutdruck gemessen wird.
  • Die Angst vor Stürzen führt bei Senioren zu einer höheren Zahl von Stürzen.“

(Wikipedia: Selbsterfüllende Prophezeiung)

Unsere täglichen Befürchtungen werden in vielen Fällen zu unserer Überzeugungen, die sich in unser Unterbewusstsein einprägen, ohne dass wir es merken. Unsere Überzeugungen, die uns davor zurückhalten auch etwas anzunehmen, ohne dass wir dafür bezahlen müssten. Unsere Befürchtungen, die wir nicht loslassen können, weil es heutzutage normal ist, vor allem und jedem Angst zu haben um nicht betrogen zu werden. Aber ist es nicht so, dass gerade die Sachen, die wir am meisten befürchten, uns doch irgendwann einholen und zur unserer Realität werden…? Wir hatten sie so lange befürchtet, bis wir überzeugt waren, dass es einmal dies oder das kommen würde…. und dann… genau: wir haben´s ja gewußt…!

Es ist in Ordnung, wenn wir etwas befürchten – ganz ohne geht es doch nicht. Wichtig dabei wäre nur, dass wir trotzdem ein gewisses Maß an Vertrauen in den Menschen , in unserem Leben (mittels Intuition, Bauchgefühl) bewahren und auch wenn wir von Ängsten übermannt werden, vor Augen halten, dass das, woran wir glauben, was wir befürchten, wovon wir gerade überzeugt sind, mit einer 100%-er Treffsicherheit Ereignisse in unserem Leben hervorrufen wird, die genau das beweisen werden, woran wir in Gedanken immer wieder festgehalten haben (Befürchtungen, Ängste, Überzeugungen). Spätestens dann werden wir einsehen müssen, dass es tatsächlich so ist, denn wir haben endlich den Beweis dafür erhalten.

Unendlich viele Hindernisse schienen mich daran zu hindern, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Doch bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass der einzige Grund dafür meine Angst war.

 (John Field, 1782 – 1837)

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Liebe Grüße,

© Sunelly Sims

Bunte Momente

(Foto: akeeris)